Samstagnachmittag, eine Freundin ruft an. Ob du morgen beim Umzug helfen kannst. Sie bräuchte doch noch jemanden, der mit anpackt. Du hast dir den Sonntag seit zwei Wochen freigeschaufelt, nur für dich, und was sagst du? „Klar, gerne, wann soll ich da sein?“ Du legst auf und könntest dir in den Hintern beißen. Willkommen in der Waage-Saison. Vom 23. September bis zum 22. Oktober steht die Sonne in der Waage, und wenn dir dein eigenes Ja gerade öfter als sonst auf den Keks geht, dann ist das die Zeitqualität. Die arbeitet in uns allen, egal welches Zeichen in deinem Geburtshoroskop steht.
Die Frau am Marktstand
Letzten Monat war die Jungfrau die Frau auf dem Feld, die geerntet und sortiert hat. Die Waage ist die Frau am Marktstand. Vor ihr liegen die Äpfel, in der Hand hat sie die Waage, und ihr gegenüber steht zum ersten Mal in diesem Jahr jemand auf Augenhöhe. Das ist der große Wechsel in dieser Saison. In den ersten sechs Zeichen, vom Widder bis zur Jungfrau, baust du dich selbst auf. Mit der Waage fängt die zweite Hälfte vom Tierkreis an, und ab hier steht dir ein Du gegenüber, das genauso viel wiegt wie du.
Die Waage ist ein Luftzeichen, und Luft ist genau das, was zwischen zwei Menschen liegt: jede Abmachung, jedes Gespräch und auch jedes Ja, das eigentlich ein Nein war. Ihre Gabe ist ihr Gespür für das, was gerecht ist. Sie merkt sofort, wenn ein Handel schief ist, und sie kann das so sagen, dass hinterher beide zufrieden vom Stand weggehen. Ihre Baustelle liegt gleich daneben. Du wiegst sauber ab, und dann legst du noch drei Äpfel obendrauf, damit bloß keiner meckert, und abends wunderst du dich, warum deine Kiste leer ist und die Kasse auch.
Übrigens ist die Waage das einzige Zeichen im ganzen Tierkreis, das ein Gegenstand ist. Alle anderen sind Tiere oder Menschen. Sie ist ein Werkzeug, und ein Werkzeug hat genau einen Job: anzeigen, was drauf liegt. Egal, wer davorsteht und wie nett der guckt.
Außen strahlt sie, drunter kocht es
Über die Waage regiert Venus, und die ist nach Sonne und Mond das Hellste am Himmel. So hübsch sie von hier unten aussieht, so ungemütlich ist sie aus der Nähe. Unter ihrer dichten Wolkendecke hat es über 450 Grad, damit ist sie der heißeste Planet im ganzen System. Außen strahlt sie, und drunter kocht es. Na, kommt dir das bekannt vor?
Und was heißt das jetzt für dich, wenn du gar keine Waage bist? Du musst keine sein, damit dich das erwischt. Ich bin auch keine, ich bin Löwin, allerdings mit Aszendent Waage, und ich hab diesen Monat schon dreimal Ja gesagt und Nein gemeint. Vielleicht merkst du es auch an den Nieren oder am unteren Rücken, denn die gehören zur Waage. Die Nieren sorgen den ganzen Tag dafür, dass in dir das Gleichgewicht stimmt. Was dir an die Nieren geht, kommt also schon mal von irgendwoher.
Und Venus will gefallen, das ist ihr Job. Die Frage ist nur, wem. Die Göttin hinter dem Planeten war alles andere als die Nette von nebenan. Die wusste genau, was sie wert ist. Eine Venus, die ihren Wert kennt, zieht an wie ein Magnet. Eine Venus, die ihn vergessen hat, macht sich hübsch für alle anderen und lächelt, während es unter der Wolkendecke brodelt.
Um des lieben Friedens willen
Und jetzt der Show-Stopper, denn das ist das eigentliche Thema dieser Saison. Du kennst den Satz: „Ach komm, um des lieben Friedens willen.“ Oder seine patzige Schwester: „Du hast recht, und ich hab meine Ruhe.“ Dann fährst du an Weihnachten doch wieder hin und schluckst den Spruch der Schwägerin gleich mit runter. Was dabei rauskommt, ist ein Waffenstillstand, bei dem nur eine Seite die Waffen abgegeben hat, nämlich du. Lieb ist dieser Frieden vor allem für die anderen.
In der Psychologie heißt das Fawning, sich lieb Kind machen. Das ist eine Stressreaktion wie Angriff oder Flucht. Irgendwann hast du als Kind gelernt, dass es sicherer ist, nett zu werden, wenn die Stimmung kippt. Das war damals verdammt klug. Es läuft bloß bis heute, bei jedem, vom Chef bis zur Frau an der Käsetheke. (Okay, freundlich zu Leuten, die scheiße sind, finde ich trotzdem wichtig. Warum solltest du denen das Leben noch schwerer machen, als es für sie offensichtlich schon ist. Nur Nein sagen darfst du dabei auch, wenn du etwas machen sollst, das du nicht willst.)
In der Hexerei gibt es dafür auch ein Wort: Süßungszauber. Du steckst den Namen eines Menschen in ein Glas Honig, und der Mensch wird dir gegenüber süß. Das funktioniert wirklich! Nur hat Honig einen Haken: Er klebt. Wen du einhonigst, an dem klebst du fest. Und jetzt überleg mal, was du seit dreißig Jahren machst, ganz ohne Glas und Zettel. Du bist ein wandelndes Honigglas. Genau darum geht es in meinem Waage-Workbook „Unterm Strich“: Du guckst nach, wohin deine Waage seit Jahren kippt, du übst dein Nein mit Stimme, und zwar mit einem Salzkreis und einem Löffel Honig, der ausnahmsweise mal für dich ist. Vier Wochen, in denen dein Ja wieder was wert wird.
Und bevor jetzt jemand denkt, hier wird Egoismus gepredigt, nein: Alle Welt erzählt dir, du sollst in Balance sein, jeden Tag und bitte mit Lächeln. Dabei steht die Waage am Himmel nur an zwei Tagen im Jahr gerade, der 23. September war einer davon. Den Rest des Jahres hängt sie mal zur einen und mal zur anderen Seite, und unterm Strich geht die Rechnung trotzdem auf. Deine darf auch kippen. Blöd wird es erst, wenn sie seit Jahren zur selben Seite hängt.
Herz gegen Feder: dein Zauber für die Waage-Zeit
Meine liebste Waage steht in Ägypten. Dort glaubten die Leute, dass nach dem Tod dein Herz gegen eine Feder gewogen wird, die Feder der Göttin Maat. War das Herz so leicht wie die Feder, ging es weiter ins Jenseits. War es schwerer, saß neben der Waage schon ein Vieh mit Krokodilkopf und hat es gefressen. Was macht ein Herz schwer? Bei dir tippe ich auf alles, was du runtergeschluckt hast. Die älteste Waage der Welt hast du immer dabei, das sind deine zwei Hände.
Du brauchst: eine Feder oder ein trockenes Blatt, einen Stein, der gut in deine Hand passt, eine Kerze.
Zünd die Kerze an und setz dich hin. Leg dir die Feder in die linke Hand und den Stein in die rechte, beide Handflächen nach oben, wie die zwei Schalen einer Waage. Jetzt denk an eine Sache aus dieser Woche, die du runtergeschluckt hast, eine einzige reicht. Sag sie dem Stein, mit Stimme: „Ich hab Ja gesagt, und ich meinte Nein.“ Dann spür hin, wie der Stein deine rechte Hand nach unten zieht und wie wenig die Feder wiegt. So fühlt sich der Unterschied an, und den merkst du dir.
Danach bringst du den Stein raus. Leg ihn vor die Haustür oder unter einen Baum, da draußen ist er besser aufgehoben als in deiner Brust. Die Feder bleibt bei dir, an einem Platz, wo du sie morgens siehst.
Drei Öle für deine Waage-Zeit
- Rosengeranie duftet fast wie Rose und kostet einen Bruchteil, und sie steht für Ausgleich. Gib zwei Tropfen auf ein Taschentuch und riech dran, wenn der Tag mal wieder komplett zur Seite der anderen gekippt ist. Auf die Haut kommt sie nur verdünnt: ein Tropfen auf einen Esslöffel Mandelöl, davon ein bisschen auf die Handgelenke.
- Lavendel ist dein Kraut für den Keller, in dem es kocht. Er besänftigt die Wut so weit, dass du schlafen kannst, und morgen ist sie dann immer noch da und du kannst in Ruhe hingucken. Ein Tropfen auf die Ecke vom Kopfkissen genügt.
- Basilikum gehört zu Mars und zu Venus gleichzeitig, es kann also „Ich will“ sagen und bleibt dabei charmant. Das ätherische Öl ist scharf, deshalb nimmst du lieber die Pflanze: Stell dir einen Topf auf die Fensterbank und zerreib ein Blatt zwischen den Fingern, bevor du in ein schwieriges Gespräch gehst.
Drei Steine für deine Waage-Zeit
- Ametrin ist halb Amethyst und halb Citrin, zwei Steine in einem, lila und gelb, und die zwei Hälften kommen prächtig miteinander aus. Mehr Waage geht in einem Stein kaum. Nimm ihn in die Hand, wenn du dich mal wieder nicht entscheiden kannst.
- Lepidolith ist der große Ausgleicher, fliederfarben mit feinem Glitzern. Er beruhigt, wenn es in dir schaukelt.
- Hämatit ist meiner für diesen Monat. Er ist schwer und kühl wie ein Stück Metall, und er zieht Grenzen. Steck ihn in die Jackentasche, wenn das Gespräch ansteht, in dem dein Nein fällt.
Bevor du jetzt den Einkaufswagen füllst: Einer reicht, und zwar am besten der, den du sowieso schon zu Hause hast.
Dein Waage-Tarot-Spread
Ich hab hier drei Karten für dich, und du legst sie wie eine Waage: eine links, eine rechts, eine oben in die Mitte.
- Karte 1, links: Was liegt gerade auf meiner Schale? Das ist alles, was du im Moment für dich selbst tust und bekommst.
- Karte 2, rechts: Was liegt auf der Schale der anderen? Hier siehst du, was du gibst, und manchmal auch, an wen.
- Karte 3, oben: Was ist mein Zünglein an der Waage? Das Zünglein ist der kleine Zeiger oben an einer alten Waage, der anzeigt, wohin sie kippt. Diese Karte zeigt dir, was bei dir den Ausschlag gibt, wenn du dich zwischen dir und den anderen entscheidest.
Guck dir zuerst nur Karte 1 und 2 nebeneinander an. Welche sieht schwerer aus? Manchmal ist auf der einen Seite richtig was los, und auf der anderen sitzt eine einzelne Figur allein herum, und dann weißt du schon eine Menge.
Merk dir noch zwei Daten. Am 10. Oktober steht der Neumond in der Waage, da säst du neu aus, und diesmal legst du dein eigenes Gewicht mit auf die Schale. Und am 23. Oktober übergibt die Waage an den Skorpion. Der interessiert sich kein bisschen dafür, ob die Stimmung am Tisch nett ist. Der will wissen, was darunter los ist.
DDas Workbook ist für dich, wenn du funktionierst und trotzdem weißt: das bin ich nicht wirklich. Nach vier Wochen weißt du, wer du bist, was du willst und was du fucking nochmal nicht mehr in deinem Leben willst, und du hast ein Nein geübt, das ohne Entschuldigung auskommt. Dazu gibt es Rituale und Tarot für Vollmond und Neumond, ein Münzorakel fürs Entscheiden, eine Justitia-Kerze und den Zauber mit Salz und Honig. Das Waage-Workbook „Unterm Strich“, 42 Seiten, 17 Euro.
Raus aus dem Hamsterrad, rein in dein Nein
Und falls du nur eine einzige Sache aus diesem Artikel mitnimmst, dann die: Du musst nicht funktionieren. Vielleicht existierst du gerade nur, für alle anderen, und selbst die Badewanne ist bloß ein Punkt auf der Liste. Die Waage-Zeit gibt dir vier Wochen, in denen du dir Zeit nimmst, die für niemanden sonst gut ist. Zeit zum Nachdenken, wer du bist, was du willst und was du fucking nochmal nicht mehr in deinem Leben willst. Fair heißt, ich auch. Dein Ja hat verdammt nochmal einen Preis, und ab jetzt kennst du ihn.









