Es ist abends kurz vor zehn. Du hast heute alles weggearbeitet, was auf der Liste stand, und jetzt sitzt du endlich auf dem Sofa. Und was macht dein Blick? Der wandert zu dem Stapel auf dem Sideboard, der da seit Juni liegt. Und dich den ganzen Sommer null interessiert hat. Auf einmal juckt es dich, aufzustehen und den wegzuräumen. Willkommen in der Jungfrau-Saison. Vom 22. August bis zum 22. September steht die Sonne in der Jungfrau, und wenn dich gerade Unordnung mehr nervt als sonst, dann bildest du dir das keineswegs ein. Das ist die Zeitqualität, und die arbeitet in uns allen, egal welches Zeichen in deinem Geburtshoroskop steht.
Die Frau auf dem Feld
Stell dir die Jungfrau als die Frau auf dem Feld vor, mitten in der Ernte. Während der Löwe noch feiert, dass überhaupt was gewachsen ist, steht sie längst zwischen den Halmen und sortiert und analysiert. Das kommt mit, das kommt weg. Da machen wir Tee draus, da Tinktur. Wäre hier ein bisschen mehr Gießen nötig gewesen? Und wie ist eigentlich der Boden? Könnten wir den Boden in ein Labor schicken?
Die Jungfrau ist ein Erdzeichen, und Erde ist absolut unromantisch. Erde steht dafür, genau zu wissen, was die Sachen wirklich bringen. Deshalb drehen sich diese vier Wochen um das, was bei dir jeden Tag tatsächlich passiert. Um deinen Morgen, deine Abläufe, deinen Körper, deine Routinen, deinen Kalender. Nach dem Bühnenlicht des Löwen macht die Jungfrau auch Licht an, allerdings ein völlig anderes: kein Scheinwerfer, eher so ein Arbeitslicht, unter dem du siehst, was liegengeblieben ist. Ich sachs dir. ULTRA-NERVIG!
Und sie liebt zwei Dinge, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben: Ordnung und Heilung. Auf den zweiten Blick hat es doch ziemlich viel miteinander zu tun. Beides heißt nämlich, genau hinzuschauen und dann zwei Dinge zu tun: aussortieren, was schadet, und pflegen, was gut tut. Die Jungfrau ist die Kräuterfrau unter den Archetypen, die mit der Hausapotheke und dem aufgeräumten Vorratsschrank.
Dein Kopf um halb drei
Über die Jungfrau regiert Merkur, der Planet des Denkens. Die Jungfrau sieht jedes Detail, sie durchschaut jeden Ablauf, sie macht aus dreißig losen Ideen eine Liste, die funktioniert. Ihre größte Baustelle ist derselbe Kopf, denn der hört auch nachts um halb drei nicht auf zu arbeiten.
Und was heißt das jetzt für dich, wenn du gar keine Jungfrau bist? Du musst keine sein, damit dich das erwischt. Ich bin auch keine, ich bin Löwin, und trotzdem hab ich diese Woche freiwillig meine Küchenschränke ausgeräumt, alle. Abends um zehn will ich plötzlich Dinge erledigen, die mich den ganzen Sommer nicht gestört haben, natürlich genau dann, wenn ich eigentlich Feierabend habe. Vielleicht meldet sich bei dir sogar der Bauch, denn die Jungfrau regiert die Verdauung, und wenn der Kopf durchkaut, kaut der Bauch gern mit.
Als Hexe sage ich dir, was dagegen hilft, und Merkur liefert es praktischerweise gleich mit: deine Hände. Wenn sich dein Kopf festgefressen hat, gib den Händen was zu tun. Kräuter zupfen, eine Schublade ausräumen, Äpfel schneiden, den Garten auf Vordermann bringen. Dein Kopf beruhigt sich nämlich kaum, weil du ihm nur gut zuredest. Was ihn wirklich beruhigt, ist, wenn deine Hände was Nützliches machen. Und nützlich ist das Lieblingswort der Jungfrau.
Die Stimme, die sagt, das reicht noch nicht
Und jetzt der Show-Stopper, denn das ist das eigentliche Thema dieser Saison. Der Jungfrau-Blick sieht überall zuerst das, was fehlt und was scheiße läuft. An deiner Wohnung, an deiner Arbeit, an dir und natürlich an deinen Lieben. Und die meisten von uns hören seit Jahren eine Stimme, die dieselben Sätze sagt: Das reicht noch nicht. Warum kannst du nicht einfach ordentlich sein? Streng dich mal mehr an. Aus dir wird doch nie was.
Hör dieser Stimme in den nächsten Wochen mal richtig zu, und dann frag dich: Nach wem klingt die eigentlich? Ziemlich sicher klingt sie nach jemandem aus deiner Vergangenheit, nach einer Mutter, einem Lehrer, einer Chefin oder einer anderen Autoritätsperson. Du hast diese Sätze irgendwann geerbt und glaubst seitdem, sie wären deine eigenen. Fuck you, nein, das sind sie aber nicht. Genau um diese Stimme geht es in meinem Jungfrau-Workbook „Das reicht“: Damit findest du raus, wem diese super nervige Stimme gehört, denn du schreibst Sätze wörtlich auf und überlegst mal, wo die denn eigentlich herkommen, und dann schmeißt du sie raus und zwar ohne Vorwarnung. Vier Wochen, die in deinem Kopf aufräumen.
Und damit wir uns richtig verstehen: Die Jungfrau will dich mit ihrem genauen Blick eigentlich heilen. Es gibt übrigens das Aufräumen, nach dem dein Leben leichter läuft, und es gibt das Aufräumen, mit dem du dir deinen Feierabend verdienen willst. Das erste ist Magie. Das zweite ist dämlich.
Der Kehraus: dein Zauber für die Jungfrau-Zeit
Der älteste Zauber der Welt steckt in einem Putzeimer, denn beim Wischen nimmst du weg, was da nicht mehr hingehört, und das ist Bannmagie in ihrer einfachsten Form. Mein Kehraus geht so.
Du brauchst: 1 Liter heißes Wasser, die Schale einer Bio-Zitrone, 2 Zweige Rosmarin, 1 Zweig Salbei, 1 Teelöffel Salz und 2 Esslöffel Haushaltsessig.
Übergieß Zitronenschale, Rosmarin, Salbei und Salz mit dem heißen Wasser und lass alles zehn Minuten ziehen. Dann absieben und den Essig dazugeben. Rosmarin und Salbei gehören Merkur, das ist also genau das Zeug für diesen Monat. Auf Naturstein und geöltem Holz lässt du den Essig weg, da reichen die Kräuter. Und keine Sorge wegen des Geruchs, die Zitrone fängt ihn ab, und sobald der Boden trocken ist, riechst du nur noch die Kräuter.
Zum Zauber wird das Ganze durch die Richtung. Fang in dem Raum an, der am weitesten von deiner Wohnungstür weg liegt, und wisch dich nach vorne zur Tür durch, weil du damit alles Alte in eine einzige Richtung schiebst, nämlich raus. Und während du wischst, sprichst du deinen Spruch:
Salz und Salbei, Rosmarin,
alles Alte fährt dahin.
Zitrone hell und Essig klar,
raus mit dem, was gestern war.
Drei Öle für deine Jungfrau-Zeit
- Zitronengras stärkt die Jungfrau-Energie und bringt deinem Kopf Klarheit, wenn alles gleichzeitig wichtig scheint. Auf der Haut ist es ein scharfer Geselle, deshalb dosierst du genau: ein Tropfen auf einen ganzen Esslöffel Mandelöl, davon ein bisschen auf die Handgelenke, und die Schläfen lässt du in Ruhe, das ist zu nah an den Augen. Wenn dir das zu fummelig ist, riech einfach am Fläschchen. In Schwangerschaft und Stillzeit lässt du ihn ganz weg.
- Muskatellersalbei gleicht sie aus und beruhigt, wenn die Gedanken um halb drei ihre Runden drehen. Für ein Raumspray löst du 20 Tropfen erst in zwei Esslöffeln hochprozentigem Alkohol, Weingeist aus der Apotheke zum Beispiel, und füllst dann mit Wasser auf 50 Milliliter auf. Öl löst sich nämlich in purem Wasser gar nicht, es schwimmt oben und landet sonst als konzentrierter Tropfen auf deiner Haut. Vor jedem Sprühen schütteln und in den Raum sprühen, weg vom Gesicht. Auch der bleibt in Schwangerschaft und Stillzeit im Schrank.
- Rosmarin ist das Merkur-Kraut schlechthin und mein persönlicher Dauergast auf dem Schreibtisch. Er macht wach und sammelt die Konzentration ein, wenn sie sich verlaufen hat. Einfach am Fläschchen riechen reicht oft schon.
Drei Steine für deine Jungfrau-Zeit
- Moosachat ist der Stein der Gärtnerinnen und Kräuterfrauen. Er erdet dich und erinnert dich daran, dass Dinge wachsen dürfen, statt fertig sein zu müssen. Leg ihn dahin, wo du arbeitest.
- Amazonit beruhigt den inneren Richter und macht den Ton in deinem Kopf freundlicher. Trag ihn in der Hosentasche und nimm ihn in die Hand, wenn die Stimme anfängt.
- Rauchquarz ist meiner. Wenn ich für diese Wochen nur einen Stein nehmen dürfte, dann den, weil bei mir sowieso einer auf dem Schreibtisch liegt und Loslassen gerade ziemlich gut zum Thema passt. Alles, was du in diesen Wochen aussortierst, darfst du symbolisch bei ihm abgeben.
Bevor du jetzt den Einkaufswagen füllst: Einer reicht, und zwar am besten der, den du sowieso schon zu Hause hast.
Dein Jungfrau-Tarot-Spread
Ich hab hier drei Karten für dich. Nimm das Deck, mit dem du eh arbeitest, und leg sie von links nach rechts.
- Karte 1: Was ist bei mir längst in Ordnung, und ich sehe es nicht? Die Jungfrau guckt zuerst immer dahin, wo was fehlt. Diese Karte ändert deinen Blickwinkel.
- Karte 2: Was darf raus, damit Platz entsteht? Das kann eine Gewohnheit sein, ein Ding oder ein Mensch. Die Karte sagt dir meistens nur, was du sowieso schon weißt.
- Karte 3: Was setze ich an die Stelle? Deine Saat für den Herbst. Ein kleines Saatkorn reicht völlig.
Guck dir erst das Bild an, bevor du im Buch nachschlägst. Dein erster Gedanke ist meistens der richtige. Der zweite ist der, mit dem du den ersten wegdiskutierst.
Merk dir noch zwei Daten. Am 11. September steht der Neumond in der Jungfrau, das ist die große Saat des Monats, und dazu kommt hier im Magazin noch ein eigener Artikel. Und am 23. September ist die Herbst-Tagundnachtgleiche, Mabon, die zweite Ernte im Jahr. Ab da gewinnt die Dunkelheit, und die Jungfrau übergibt an die Waage.
Vier Wochen, in denen es leichter ist als sonst, dein Leben praktisch zu machen und die geerbten Stimmen rauszuwerfen. Wenn du das mit Anleitung willst, mit eigenen Ritualen für Neumond und Mabon, einem Tarot-Spread, Journalingfragen und einer Apfelkette, die du garantiert noch nie geschnitten hast: Das Jungfrau-Workbook „Das reicht“ begleitet dich durch die ganze Saison, 17 Euro.
Vier Wochen, die im Kopf aufräumen
Und falls du nur eine einzige Sache aus diesem Artikel mitnimmst, dann die: Manchmal ist gut einfach gut genug. Es muss verdammt nochmal nicht immer noch besser werden.









